Trampen durch den Iran

Eingetragen bei: on the Road | 5

Vor knapp zwei Jahren bin ich das erste mal in den Iran gereist – damals wurde mir oft die Frage gestellt “kann man da echt hinreisen – ist das nicht gefährlich?“

 

Als ich nun beschlossen hatte nach meinem erneuten Besuch hier von Shiraz, im Süden des Landes, nach Deutschland zurück zu trampen kam diese Frage wieder auf.

 

Meine Antwort bleibt die gleiche “ja, man kann.“

 

Bin ich 2009 über Neuseelands Südinsel getrampt, so war es im Iran mindestens genauso einfach per Anhalter zu reisen. Aber warum eigentlich Trampen? Für mich ist es eine ganz besondere Art mit Land und Leuten in Berührung zu kommen.

Du stehst an der Straße – das Gepäck neben dir. Ein Schild, das aussagt wohin du möchtest hälst du in der Hand oder es ist am Rucksack befestigt.

 

Doch diesmal trampe ich nicht alleine. Am Morgen des Marathon ist mir mein kleiner, gelber Begleiter quasi zugelaufen. “Buddy“ – der vielleicht erste trampende Hirsch der Welt!

Ich dachte ein Begleiter wäre cool, noch dazu einer auf dem sich all meine Fahrer und Gastgeber verewigen können – eine wunderbare Erinnerung!

So ernten wir immer ein verwundertes Lächeln wenn er ins Fahrzeug steigt.

Goodbye Shiraz – Die Straße wartet

 

IMG-20160410-WA0049

 

Die erste Etappe führte von Shiraz über Marvdascht nach Esfahan. Wir sollten einen jungen Mann kennenlernen der stets einen Mundschutz trägt und nur mithilfe einer Spritze trinken kann, da eine Pistolenkugel sein Gesicht zerfetzt hat.

 

Der erste Fahrzeugwechsel ließ mich zuerst auf dem Beifahrersitz von Amin Platz nehmen ehe ich diesen irgendwann gegen den Fahrersitz eintauschen sollte. Amin wollte eine Runde schlafen und jetzt war er ja nicht mehr alleine im Auto. Ähm – ich fahr dann mal weiter…

 

An einem großen Kreisverkehr im Niemandsland stand der nächste Fahrzeugwechsel an. Ein Auto fährt langsam an mir vorbei, hält dann rechts an, alle Türen gehen auf. Vier junge Männer kommen langsam und vorsichtig auf mich zu “are you a hitchhiker?“ – “yes“… Die Jungs schauen sich an, nicken… “cool, can we please bring you to Esfahan?“

 

IMG_20160410_191014

 

Das war ja einfach… Die Jungs kamen aus dem Urlaub, sie haben die Inseln im Süden des Iran zwei Wochen unsicher gemacht und waren auf dem Heimweg in den Norden. Eine super witzige Fahrt sage ich euch! Ich werde an einem großen Kreisverkehr eingesammelt und ein paar Stunden später, in der Dunkelheit von Esfahan an einem ebenso großen Kreisverkehr rausgelassen.

24 Stunden später saß ich in Hassan’s Melonenlaster Richtung Tehran. Vier Melonen, ein nächtliches Fußballspiel auf einer Raststätte und 422 km später stand ich auf einmal auf einem Obst- und Gemüse Umschlagsplatz 25 km südlich von Tehran, es ist 2.30 Uhr am Morgen. Ein Taxi ins Zentrum der Millionenmetropole? No way!

 

5 km Fußmarsch entlang der Autobahn und 30 Minuten warten und ich saß bei Mahdi und Mehdi im Auto. Sie brachten mich zu Milad, bei dem ich nach 2014 auch diesmal wieder unterkommen sollte – am Ende wurden es drei Nächte!

Drei Stunden sollt ich danach brauchen um aus dieser riesen Stadt herauszukommen – wohin?

Immer Richtung Nordwesten, Tabris war das nächste Ziel bzw. die nächste Idee. Auf dieser Strecke ist es mir erstmal gelungen einen Bus zu trampen.

Couchsurfing sie Dank warteten hier meine Hosts bereits auf mich… selbstgemachter Kebab und passende Getränke rundeten den Abend ab.

Mein Plan hier Skifahren zu gehen wurde mir, wie schon in Tehran, vom Regen zunichte gemacht. Sei’s drum – wir hatten einen genialen Tag mit Sightseeing, Ziplining und Go Kart fahren!

 

IMG_20160415_165100

Die nächstgelegene Grenze in den Bergen hinter Khoy lag im PKK-Gebiet, also kein Grund sich lange in der Gegend aufzuhalten…wäre ich nicht zu spät an der Grenze angekommen. Mein nächster Fahrer, der mich einfach so mal 65 km zur Grenze gefahren hatte, war nämlich so begeistert mich zu fahren, dass wir gefühlt bei all seinen Freunden anhielten und er die Zeit vergaß.

 

Grenze schließt früher als Supermärkte

 

Die Grenze schloss nämlich um 18 Uhr… Ankunftszeit an der Rezi Grenze: 18.10 Uhr. Fuck!

Aber gut, was will man machen wenn die Polizei sagt “nein“? Also ging es erst einmal zurück nach Khoy, Teetrinken bei Nauros. Nachdem er sich mit seiner Frau und seinem Bruder beraten hatte, was man mit mir machen solle war man der Meinung “in der Stadt kannst du nicht bleiben, das ist nicht sicher für dich“ – ähm…okay, was auch immer das heißen sollte. Also wollte ich meine Sachen packen und den nächsten Lift suchen, es war bereits kurz vor 20 Uhr, Dämmerung…

 

Wo ich mich kurz darauf wiedergefunden habe?

Erneut in seinem Auto – auf dem Weg zur nördlichsten Grenze zur Türkei, Bazargan war das Ziel. Es war mir echt unangenehm, denn er hatte ein schlechtes Gewissen zuvor getrödelt zu haben, weshalb er mich nun unbedingt an die andere Grenze fahren wollte. Wow… das waren für ihn dann an diesem Tag mal einfach so 450 km…

Auf dem Weg haben wir immer wieder gehalten und andere Leute mitgenommen von denen er sich hat Geld geben lassen, während ich für unsere Verpflegung gesorgt habe

23.45 – wir standen vor dem Tor zum Grenzbereich. Wie kann man sich für diesen Trip bedanken? Wohl eigentlich gar nicht…

 

Nauros hat sich zig Mal bei mir bedankt und entschuldigt. Es wäre für ihn ein toller Nachmittag gewesen und er war froh, mich getroffen zu haben…wow, was eine Begegnung.

 

Nach 1234 km war ich fast an der Grenze. Ich wanderte noch 2 km durch die kalte Nacht den Berg rauf, vorbei an unzähligen wartenden Trucks ehe ich unter verwunderten Blicken mit Buddy im Arm den Wartesaal zur Passkontrolle betrat. Es war bereits nach Mitternacht – Grenzübertritt Nummer Eins stand unmittelbar bevor – auf Wiedersehen Iran – du warst erneut überwältigend!

Nach etwas Wartezeit und den üblichen Fragen woher ich komme und wohin ich ginge war es dann soweit, ich bekam den türkischen Stempel in den Reisepass und durfte die Grenze passieren…

 

5 Antworten

  1. Can Isikoglu

    Vielen Dank!

    Das war sehr inspirirend und auch beruhigend! Ich möchte nach Asien kommen und habe mir darüber Gedanken gemacht wie ich durch den mittleren Osten komme. Erfahrungen haben meine Sorgen besänftigt. :-)

    • Hallo Can,
      es freut mich, wenn dir der Artikel geholfen hat. Klar, man muss immer mit einer gewissen Vorsicht reisen und darf nicht leichtsinnig sein, aber ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt oder so :) Wenn du noch fragen hast, melde dich gerne!

  2. Hallo Ben,

    ein toller Reisebericht. Und vor allem so wunderbar „normal“. Du machst aus dem trampen durch den Iran keine große, gefährliche Sache, sondern eine Begegnung mit den Menschen und dem Land. Man sollte nicht immer nur die delikate, politische Lage, in der sich das Land befindet sehen, sondern auch daran denken, dass dort Menschen wie Du und ich leben, die auch nur glücklich sein wollen.
    Dein Bericht beweist es.

    Viele Grüße
    Daria

    • Hey Daria,

      erstmal vielen Dank für deine lieben Worte – speziell auf positive Reaktionen in Bezug auf die Iranberichterstattung freue ich mich immer riesig!
      Man muss ja auch nichts künstlich hypen oder aufblasen, oder? :) Es war eine geniale Zeit, die Menschen sind neugierig und unheimlich aufgeschlossen – der Westen ist stets in Ihren Köpfen!
      Es wird nicht mein letztes Mal gewesen sein, so viel ist sicher!
      Und wenn du Lust hast mehr zu erfahren, schau mal hier vorbei:

      http://www.off-the-path.com/de/podcast-backpacking-iran/

      Da hatte ich die Chance ein wenig über das Reisen im Iran zu sprechen :)
      LG, Ben

  3. Hallo Ben,

    ich hoffe dir/euch geht es gut? Wie du sicher schon erfahren hast, hat es uns über das persische Neujahr in den Iran verschlagen. Gerade habe ich etwas Zeit gefunden, zwischen Familie, Tee und Essen, deinen Blog zu lesen und ich muss sagen es ist sehr inspirierend und ja vorallem der Iran Teil, ich kann die gesamte Rechtfertigung nachvollziehen auch bei mir war es die ersten male so. Wie du, kann ich jedem nur sagen:Der Iran lohnt sich! Die Menschen, die Gastfreundlichkeit, die Sehenswürdigkeiten, das Essen, ach einfach das ganze Land. Dein Bericht spiegelt dieses wieder und da kann ich nur sagen: Daumen hoch oder ganz modern I Like.
    Aber es hat auch etwas gutes, der Iran wimmelt noch nicht so von Touristen die die Natürlichkeit kaputt machen bzw. das Land sehr überlaufen ist. Ja und besonders freut es mich, das es Menschen gibt, wie Du, die auch so eine Begeisterung zu diesem Land haben, wie ich! Vielen Dank dafür!

    LG Frank

Hinterlasse einen Kommentar